Mea on tour

Thursday, May 30, 2002

3

Mea war außer sich vor Freude. Gerade war sie aufgewacht und hatte erkannt, daß heute Feiertag war. Wie sie diese Tage liebte! Keine Schule, den ganzen Tag nur faulenzen und keiner konnte sie in irgendwelche Geschäfte zum Anprobieren zerren. Auch das Wetter spielte an diesem Tag mit. Als sie die Augen öffnete konnte sie schon die warmen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut spüren.
Unten in der Küche warteten schon ihre Mutter und ihr Bruder auf sie. Der Tisch war gedeckt mit frisch gebackenen Croissants und einer Tasse kalten Erdbeerkakao.
War dies ein Traum? Unauffällig kniff sie sich in den Arm, doch es war kein Traum.
So sollte der Tag, ihrer Meinung nach, immer beginnen.
Beim Frühstück erzählte ihre Mutter ihr, daß sie nachher essen gehen würden. Auch der Fernseher war wieder heil. Sofort raste sie zur Glotze, um zu sehen, ob dies die Wahrheit war. Und tatsächlich! Er funktionierte mit allen Programmen, in allen Lautstärken.
Ein toller Tag!


Oh, nein! Nicht schon wieder Montag! Mea haßte, wie jeder wußte, Montage wie die Pest: Andrea, Lilli, Justin, Hausaufgaben, ...
Mea wachte auf und hoffte nur, daß sie immer noch träumte. Wieder rief ihr ihre Mutter, von unten zu, sie sollte endlich aufstehen. Doch Mea hörte einfach darüber hinweg. Die Haustür wurde von ihrer Mutter zugeschlagen. Nun war Mea allein.
Was war das? Das Telefon klingelte. Aber wer ruft denn um zehn nach sieben bei uns an, fragte sich Mea verwundert. Sie lief nach unten und hob den Hörer ab.
„Mea am Apparat!“, begrüßte sie den Anrufer etwas unfreundlich.
„Bist du’s?“, meldete eine schwache Stimme am anderem Ende. Diese Stimme erkannte Mea sofort.
„Shera! Was ist los?“, fragte Mea sie etwas baff.
„Ich kann heut‘ nicht zur Schule kommen!“, sagte Shera etwas schwächelnd.
„Wieso? Bist du krank?“
„Ja, könnte man so sagen. Ich hab‘ die ganze Nacht mich übergeben müssen. Auch schon gestern auf der Rücktour“, erklärte sie der etwas traurigen Mea.
„Ich besorg dir deine Hausaufgaben! Sieh du mal zu, daß du mir wieder gesund wirst!“, meinte Mea bestimmend und wußte schon direkt, wie sie dies anstellen würde.
„Hey, danke! Ich mach dann mal Schluß. Ciao“, verabschiedete Shera sich dankbar bei Mea, die darauf nur erwiderte: „Nichts zu danken. Ciao“
Und sie legte auf.
Als Mea ankam, wartete schon Jeanne auf sie. Sie empfing sie mit einem willkommenden Lächeln und winkte ihr kurz zu.
„Wo ist denn Shera?“, fragte sie Jeanne, nachdem sie sich kurz umgesehen hatte, „hat sie frei?“
„Nein, sie ist krank und bleibt heute mal einen Tag zu Hause, um sich auszukurieren“, erklärte Mea. Jeanne nickte verständnisvoll und blickte kurz auf den Boden. Mea kam es eher vor, daß jemand gestorben sei, als daß jemand krank war.
Da kam auch schon Jan angetrottet. Natürlich fragte auch er, wo Shera sei. Nachdem Mea ihm die Sache erklärt hatte, fragte sie ihn auch um Hilfe wegen Shera’s Hausaufgaben. Er willigte ein, um ihr zu helfen und verschwand dann trauernd bei den Jungs seiner Klasse.
An diesem Tag verfolgte Mea das Glück sowieso kaum. Sie hatte zwar Sport (5. und 6. Stunde) frei, doch hatte sie ihren Schlüssel vergessen und eilte so eine halbe Stunde lang durch die Stadt, um ihre Mutter zu finden.
„Mea, hättest du Zeit an diesem Konzert zu singen?“, fragte sie ihre Gesangslehrerin , „Wir wollen, daß du die Titelmusik singst.“
Was? Mea sollte den Titelsong eines Konzerts singen? Es war zwar nur ein Kinderkonzert der Musikschule, doch immerhin ein Anfang. Gerne hätte sie Ja gesagt, doch sie war sich nicht ganz sicher, ob sie an dem Zeit hatte.
„Also, ich würde gerne, aber ich müßte da zuerst einmal meine Mutter fragen!“, meinte Mea vertieft in die Noten ihres Stückes. „Es wäre toll, wenn du Zeit hättest! Frau Stober selbst hat dich vorgeschlagen“, meinte die Lehrerin freundlich. Eigentlich konnte Mea jetzt schon gar nicht mehr ablehnen. Frau Stober war ihre Chorleiterin und immer sehr angestrengt um Mea’s Glück.
„Du wolltest doch ein paar Noten mitbringen, oder?“, änderte nun Frau Paulus das Thema. Nervös ging Mea zu ihrer Tasche. Sie hatte ihren absoluten Liebling, Mariah Carey, mitgebracht. Doch sie wußte nicht, wie es bei Frau Paulus ankommen würde. Vielleicht würde sie sie für eine miese Angeberin halten.
Da hatte sich Mea aber ziemlich geirrt. „Oh, Mariah Carey! Ja, eine wahnsinnige Stimme“, meinte die Lehrerin ganz begeistert von Mea’s Geschmack.
Sie kopierte sich noch schnell die Noten von Mea’s Lieblingsstück, weil sie von dieser Einlage ihrer Schülerin ganz entzückt war.
Eigentlich wollte Mea es heute im Chor vorsingen, doch da proben für das Konzert diesen Monat waren, verschob es Frau Stober kurzfristig.Mea dachte sich aber nur: „Lilli, dir wird noch das Staunen vergehen!“

Wednesday, May 29, 2002

2

„Scheiße, was habe ich denn da für einen Scheiß geträumt?“, fragte sich Mea gedankenverloren, als sie erschrocken aufwachte. Sie träumte oft irgendeine Scheiße, wo einer ihrer beliebten Klassenkameraden vorkam. Genervt setzte sie sich auf und schaute hinaus aus dem Fenster. Es war zwar erst halb sieben, aber schon ziemlich hell. Nüchtern ging sie zum Fenster und öffnete es. Eine kühle Brise wehte ihr ins Gesicht. Mea liebte es, morgens aus dem Fenster zu sehen. Alles war noch ruhig. Eine fast menschenleere Gegend. Na ja, man sah zwar nur den Hinterhof einer Kneipe und den mit Unkraut bestückten Garten der Nachbarn, aber irgendwie war es doch beruhigend. Mea schloß die Augen und hoffte, daß sie diesen Moment fest halten könne, doch plötzlich... „Mea, bist du schon wach?“ Meas Mutter zerstörte die Idylle mit einem entnervten Ruf unten aus der Küche. Sie war wohl auf dem Weg, um mit dem Hund raus zu gehen. „Ja, Ma! Ich bin so gut wie fertig“, bestätigte Mea und machte sich auf in Richtung Dusche.
„Mea, kann es sein, daß du heute nicht ganz anwesend bist?“, fragte Shera sauer und blieb stehen. „Wieso? Ich hör dir zu! Ich bin nur ein wenig müde.“, antwortete Mea frech mit einem Gähnen. Doch ein wenig verärgert ging Shera weiter und Mea folgte ihr. Gerade hatte die große Pause angefangen und das hieß Cliquen- Treff. An der Bank warteten schon San und Jeanne. Sie waren beide in einer Klasse und waren meistens zusammen anzutreffen. „Hi, ihr beiden!“, begrüßte sie San freundlich. Jeanne lächelte nur. Das tat sie immer, denn im Gegensatz zu San war sie sehr ruhig und sagte nicht allzuviel. Mea kannte Jeanne schon sehr lange. Sie waren zusammen in die gleiche Kindergartengruppe gegangen und waren schon damals beste Freunde gewesen. Durch Jeanne hatte Mea auch erst Shera und San kennen gelernt.
San war mal wieder dabei alles mögliches zu erzählen, als gerade Jan bei den vier Mädels ankam. Natürlich hatte er wieder eins der Bücher vor der Nase, die Meas kleiner Bruder ihm ausgeliehen hatte. Jan war sozusagen das fünfte Mitglied der Clique und der einzige Junge unter ihnen. Shera ging auf ihn zu und nahm sich das Buch, um zu gucken, wie weit Jan schon war. Genau wie Mea hatte auch Shera diese Bücher schon längst durchgelesen. Es waren natürlich keine richtigen Bücher, sondern eher kleine Manga Hefte. Mangas, das waren japanische Comics, die in der Clique sehr beliebt waren. Leider machte sie dieses Hobbies auch zu Freaks in ihren Klassen. Viele aus der Clique störte das, doch Mea war sowieso schon so unbeliebt, daß sie gar nicht mehr auf das Gequatsche ihrer Klassenkameraden einging. In ihren Klassen waren die Beteiligten dieser Clique sowieso schon die totalen Außenseiter, doch sie konnten sich auch alleine durchbeißen. Dies bewiesen sie jederzeit und auch für den nächsten Schulausflug.
Dieser Schulausflug ging nirgendwo anders hin, als nach London. Für Mea würde dies eine absolute Premiere werden, denn sie hatte noch nie englischen Boden betreten und träumte somit fast täglich von diesem Schulausflug. Alle aus der Clique, abgesehen von Jeanne, würden mitkommen und zusammen in London durch die Straßen ziehen. Noch ein Erfolg war für die Clique, daß sie die einzigen aus allen Klassen waren, die zusammen in einem Bus nach London fahren und sogar in einer Gruppe dort umherirrten durften.
Das war natürlich Gesprächsthema Nr. 1 und San entwarf jeden Tag eine neue Liste, wo sie überall hin wollte. Shera und Mea versuchten sich aber mit London zurück zuhalten, denn es war ihrer Meinung unfair, vor Jeanne so große Reden zu schwingen.
Nachdem die ausgelost hatte, wer im Bus neben wem saß, stellte sich heraus, daß Mea auf der Hinfahrt neben Jan sitzen mußte. Sie hatte im Grunde nichts gegen ihn, doch er war nun mal ein Schelm, wie er im Buche stand. Einmal hatte er versucht, Chinaböller zu bauen und auf den Schulhof losgehen zu lassen. Hätte er auch fast geschafft, doch da Mea schon lange nichts mehr von dieser Idee gehört hatte und schloß daraus, daß er sich wohl diese Idee aus dem Kopf geschlagen hatte.
Es dongte und Mea machte sich auf den Weg zu ihrem Klassenraum. Was hatte sie denn jetzt? Englisch! Mea stöhnte entnervt und konnte sich schon auf eine Gruppenarbeit mit zwei Jungs freuen. Sie hatte kein Problem damit mit Jungen zu arbeiten, aber wenn man sich diese beiden Exemplare mal genauer betrachtete, konnte man Mea nur zustimmen, daß diese Gruppenarbeit der totale Reinfall werden würde.
„Was müssen wir denn machen?“, fragte sie Justin, als sie gerade ihre Sachen herausholte. Sie antwortete, beschäftigt damit ihr Englisch Buch zu finden: „Ihr wolltet doch ein Theaterstück machen! Ich denke mal, wir sollten erst einmal ein Drehbuch schreiben.“ „Was? Weißt du wieviel ich heut noch zu tun habe?“, schrie Justin zornig auf. „Nein, aber du wirst es mir sicher gleich sagen“, meinte Mea, als sie endlich ihr Buch gefunden hatte. „Ich hab‘ heut noch Konfirmanden-Unterricht und Training. Außerdem hab‘ ich noch Mathe auf und meine Mutter nervt mich schon seit Tagen, daß ich meine Vokabeln abschreiben soll. Und dann noch irgendeine scheiß Rolle für Englisch. Weißt du was? Du kannst mich mal!“, schrie er Mea energisch an. Doch ganz unbeeindruckt antwortete Mea ganz überrascht: „Hast du die Vokabeln nicht in den Ferien gemacht? Da hättest du doch schon die Hälfte von deiner Liste weg!“ „Hast du sie noch alle? Als wenn ich in den Ferien nichts anderes vor hätte. Da mach ich doch nichts für die Schule! Außerdem fehlt uns ja noch ein Schauspieler. Wie willst du den denn auftreiben?“, baffte er sie an. „Schon gut! Vielleicht sollten wir erst einmal anfangen, damit wir heut wenigsten noch mal fertig werden“, versuchte ihn Mea zu beruhigen, was jedoch keinen Erfolg zeigte.
Durch den Lärm war auch schon längst ihre Lehrerin auf sie aufmerksam geworden und erkannte sehr schnell die Basis des Problems. Damit nicht schon wieder ein Streit zwischen den beiden ausbrach, teilte sie der Gruppe eine andere Aufgabe zu. Jetzt sollten sie nur noch einen Text schreiben. Mea war in ihrem Element. Ohne die Fragen der anderen zu beachten, kritzelte sie einige Sätze auf ihr Blatt und hielt es anschließend den beiden Jungen vor die Nasen. Sie lasen es sich zwar nicht durch, fanden es aber trotzdem klasse. Das wahrscheinlich aber auch nur, weil sie dann einen Haufen weniger Arbeit hatten.
Zufrieden und immer noch müde taumelte Mea so zu Erdkunde. Es war nur noch diese Stunde, dann konnte sie endlich nach Hause gehen und sich aufs Sofa legen. Dieser sehnsüchtige Traum machte Mea wohl ganz besonders stark und so verging auch diese Stunde wie im Flug.
Als Mea dann mit Shera nach Hause ging und sich schon auf das gemütliche Sofa freute, traf es Shera wohl plötzlich wie ein Geistesblitz.
„Bist du nicht an meinem Geburtstag bei deinem Vater?“, fragte Shera nervös auf Antwort wartend. „Ja, kann sein. Aber mir ist das zu doof. Ich geh ja auch sicher lieber zu diesem Geisteskranken als zu dir an deinem Geburtstag. Ich sag ihm einfach ab. Das muß er verstehen!“, meinte Mea cool und vertiefte sich weiter ihn ihre Träume vom Sofa. „Danke, aber ich feiere so oder so nach. San kann nämlich auch nicht an dem Tag. Außerdem ist Samstag immer schlecht und will dir auch nicht den Tag verderben“, bedankte sich Shera. Doch Mea entgegnete ihr kühl: „Von wegen. Du rettest den Tag eher, als ihn zu versauen. Dann feiern wir beide eben alleine!“
Als Mea dann nach Hause kam, raste sie schon an ihrem verdutzten Bruder vorbei in Richtung Terminplaner.
„Scheiße! Genau wenn Shera Geburtstag hat“, fluchte Mea verärgert und lockte somit unabsichtlich ihre Mutter zum Tatort. „Was ist denn los, Liebes?“, fragte diese besorgt. Darauf antwortete Mea traurig: „Das Wochenende, wo Shera Geburtstag hat ist das selbe, wo wir mit Paps nach Bayern fahren.“ „Ihr könnt ja nach feiern!“, meinte ihre Mutter, wohl etwas enttäuscht darüber, daß sie nicht helfen konnte, und ging zurück auf den Balkon.
Mea fühlte sich schäbig. Gerade hatte sie Shera hoch und heilig versprochen an ihrem Geburtstag auf alle Fälle da zu sein und jetzt mußte sie ihr absagen. Wie sie das haßte! Dauernd regte Mea sich über die Leute auf, die erst große Reden halten und dann den Schwanz einzogen. Genau jemand von dieser Sorte war sie jetzt auch. Natürlich rief sie sofort Shera an.
„Shera...? Ich muß dir leider was sagen, was dir überhaupt nicht gefallen wird. Das Wochenende, an dem du Geburtstag hast ... da fahr ich doch zu meiner Oma runter nach Bayern und...“, begann Mea zögernd. Doch Shera meinte darauf: „Ist schon OK, wenn du nicht kannst. Wir können ja noch nachfeiern!“ „Und du bist wirklich nicht sauer?“, fragte Mea sie ein wenig ängstlich. „Nein, du kannst doch nichts dafür. Wir sehen uns dann morgen, ja? Ich muß nämlich gleich zum Konfi- Unterricht.“, antwortete Shera verständnisvoll. Darauf verabschiedete sich Mea und wünschte ihr noch viel Spaß. Als sie dann endlich aufgelegt hatte, stöhnte Mea leise auf und machte sich an die Hausaufgaben. Sie war ehrlich gesagt sehr froh über die Tatsache, daß sie mit Shera befreundet war, denn als ein Außenseiter hat man es sehr schwer echte Freunde zu finden. Nicht solche Freunde, wie Andrea und Lilli es sind, und immer nur dann zu einem freundlich sind, wenn sie es auf etwas abgesehen haben. Mea mochte nur ihre Freunde, die ehrlich zu ihr waren und sie nicht verändern wollen. Das schätzte sie auch an ihrer Clique. Jeder verkörperte seinen eigenen ausdrucksstarken Charakter und verfolgte sein eigenes persönliches Ziel. Niemand klammerte sich an jemand anderen fest. Sie waren zwar alle grundverschieden, doch zusammen bildeten sie eine willensstarke Gruppe, die man nicht mit irgendwelchen anderen Gruppen vergleichen konnte.
Fertig! Endlich sind die Hausaufgaben erledigt. Mea streckte zufrieden beide Hände von sich und marschierte in Richtung Fernseher. Schließlich ließ sie sich ermüdet von der vielen Arbeit auf die Couch fallen und griff gierig nach der Fernbedienung. Doch sie mußte erst einmal verwundert aufblicken, weil sich da nichts tat. Sie stand auf und musterte den Fernseher. Weil sie zu faul war, um selbst nach zugucken, wo das Problem lag, rief sie nach ihrer Mutter: „Mama! Wieso geht der Fernseher nicht?“ „Der ist wohl irgendwie kaputt. Dein Bruder hat auch schon gefragt. Ich bestell einen Techniker für morgen“, rief ihre Mutter ihr aus dem Büro zu. Der Schock saß tief bei Mea. Kein Fernsehen heute? Das konnte nicht ihr ernst sein!
Immer noch geschockt lief sie nach oben und versuchte es bei jedem Fernseher im Haus. Aber nicht einmal ihr eigener war am Laufen.
Mea konnte es nicht fassen. Heute kam doch ihre Lieblingssendung überhaupt. Das mußte ein böser Traum sein. Sie ging hinunter zu ihrer Mutter und fragte, ob der Techniker nicht noch heute kommen könne. „Der arme Mann hat auch noch andere Kunden! Außerdem ist es schon halb sechs. Da kommt doch keiner mehr von denen!“, antwortete sie auf Meas Frage. Sie war wohl sehr entsetzt über diese Frage und gleichzeitig ein wenig verwirrt, wieso ihre Tochter mit einem solchen Ehrgeiz hinter der Sache her war.
Traurig und geschlagen schritt Mea nun in ihr Zimmer. Was sollte sie nun tun? Es wäre viel zu langweilig noch den ganzen Tag so im Zimmer zu verbringen. Also, was tun?
Erst mal Radio anschalten. Damit hatte sie schon mal etwas getan. Und jetzt?
Mea war verzweifelt. Was sollte sie nur tun, um nicht von ihrer eigenen Langeweile verschluckt zu werden?Doch irgendwie meisterte sie auch dieses Problem und ging schon sehr früh schlafen.

Monday, May 27, 2002

1

Es war Montag morgen und Mea war gerade erst aufgestanden. Sie überlegte, was gestern geschehen war, denn früh morgens war sie immer ein wenig schwer von Begriff. Besonders an diesem Morgen. Gerade hatten die Pfingstferien ihr Ende genommen und die Schule sollte heute wieder beginnen. Mea hatte überhaupt keine Lust auf Schule heute. Ehrlich gesagt hatte sie das nie, aber das war meistens das erste, an das sie morgens dachte. Sie stand auf und ging duschen. In einer halben Stunde würde Shera, ihre beste Freundin, sie abholen.
Shera war noch nicht lange ihre Freundin, denn sie kannte sie erst seit kurzer Zeit. Genauer gesagt einem Jahr, doch sie hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Sehr gelegen kam es da natürlich auch, daß Shera Meas Nachbarin war und sie so jeden Tag Punkt halb acht zur Schule abholte. Leider waren sie nicht zusammen in einer Klasse, dennoch trafen sie sich jede Pause am Eingang mit ihren Freunden.
„Hast du nicht gleich Musik?“, fragte Shera, als sie endlich in die Schule eingelassen wurden. „Ja. Leider darf ich wieder neben meiner Lieblingsfreundin sitzen! Andrea! Ich muß mal kurz kotzen!“, antwortete Mea mit einem gezwungenen Lächeln. Darauf verabschiedete sich Shera und rannte in Richtung Klassenraum. Mea ging noch kurz zum Vertretungsplan, um schauen zu gehen, ob Doppelstunde Sport ausfallen würde, doch umsonst.
Der Grund warum Mea und Andrea sich nicht mehr riechen konnten, war ein ganz simpler. Vor nicht alzulanger Zeit waren die beiden noch die besten Freunde. Das änderte sich schnell als Andrea meinte, sie müßte sich unbedingt Meas Lieblings- Computerspiel brennen. Dies wollte Mea aber nicht, da dieses Spiel 80DM (ca. 40 €) gekostet hatte. Nachdem Andrea den tödlichen Satz ausgesprochen hatte, war die Sache mit der Freundschaft gegessen und die beiden lieferten sich von da an einen unerbittlichen Konkurrenzkampf. Und dieser tödlicher Satz war dieser:
„Wozu habe ich denn sonst eine Freundin!“
Mea fluchte kurz und machte sich dann kurzerhand auf den Weg zum Musikraum im Altbau. Dort erwarteten sie schon ihre geliebten Klassenkameraden. Nach ca. 3 Minuten kam dann endlich ihr Lehrer und ließ sie sich auf ihre Plätze setzten. Sie redeten über die ursprüngliche Nationalhymne von Haydn und mußten unter anderem beteiligte Musikinstrumente in den verschiedenen Variationen des Stückes raushören. Natürlich guckte Andrea mal wieder alles bei Mea ab und gab es dann als ihr Eigen aus. Gerne würde Mea Andrea mal zur Rede stellen, doch sie dachte nicht daran. Sie kannte Andreas Ziel. Sie wollte sich wieder einmal mit Mea zanken und nachher wieder als Unschuldslamm dastehen. Diesen Wunsch wollte Mea ihr natürlich nicht erfüllen und schwieg so.
Im Sportunterricht versuchte Andrea es dann wieder. Sie waren gerade am Einjoggen, als Andrea Mea plötzlich von der Seite anquatschte und meinte: „Na, machst du schon schwach? Was mich betrifft, gehe ich ja jeden Tag eine ganze Stunde im Wald joggen. Wollen wir das nicht mal zusammen machen? Dann kann ich dir zeigen, wie das richtig geht!“ Mea hätte sie umbringen können. Wie sie Andrea doch haßte!
Danach wurde ihnen noch Hochsprung beigebracht und sie mußten noch Fußball spielen.
Mea war viel zu erschöpft, um an diesen Tag noch Großes zu leisten, dennoch mußte sie heute noch in den Chor. Dort trieb sie wieder einmal ihrer nerviger Bruder in den Wahnsinn. Nicht nur, daß er während ein Mädchen aus dem Chor etwas vortrug Game Boy spielte. Nein, er mußte die Chorleiterin auch noch daran erinnern, daß Mea etwas vorsingen sollte. Mea haßte es, vor vielen Leuten zu singen, obwohl sie eine gar nicht mal so schlechte Stimme hatte. Sogar vor ihrer Familie war es ihr höchst peinlich, wenn sie ihre Lieblingslieder vorsang.
„Mea, wolltest du dich nicht darum kümmern, die Noten von deinem Lied zu finden?“, fragte ihre Chorleiterin freundlich. Doch Mea antwortete etwas geschauspielert: „Oh, das tut mir Leid. Ich habe noch keine Zeit dafür gefunden. Aber ich werde mich darum kümmern!“ „Das ist nett. Vielen Dank!“, bedankte sie sich im Voraus. Mea dachte sich nur mit einem Schmunzeln im Gesicht: „Von wegen!“ Diese Meinung änderte sich schnell, als sie plötzlich von ihrer Erzfeindin Lilli, auch im Chor, ganz verblüfft angeschaute wurde. Um nur dieses verdutzte Gesicht zu sehen, würde sich Mea sogar im Bikini in den Ballermann stellen und Hänschen Klein singen. Also nahm sie sich für morgen vor in die Bücherei zu setzten und sich die benötigten „Utensilien“ zu besorgen.
Nach diesem erlebnisreichen Tag legte sich Mea erschöpft in ihr Bett und schlief genüßlich ein, um sich morgen wieder über die blöde Schule zu aufzuregen.