Mea on tour

Wednesday, May 29, 2002

2

„Scheiße, was habe ich denn da für einen Scheiß geträumt?“, fragte sich Mea gedankenverloren, als sie erschrocken aufwachte. Sie träumte oft irgendeine Scheiße, wo einer ihrer beliebten Klassenkameraden vorkam. Genervt setzte sie sich auf und schaute hinaus aus dem Fenster. Es war zwar erst halb sieben, aber schon ziemlich hell. Nüchtern ging sie zum Fenster und öffnete es. Eine kühle Brise wehte ihr ins Gesicht. Mea liebte es, morgens aus dem Fenster zu sehen. Alles war noch ruhig. Eine fast menschenleere Gegend. Na ja, man sah zwar nur den Hinterhof einer Kneipe und den mit Unkraut bestückten Garten der Nachbarn, aber irgendwie war es doch beruhigend. Mea schloß die Augen und hoffte, daß sie diesen Moment fest halten könne, doch plötzlich... „Mea, bist du schon wach?“ Meas Mutter zerstörte die Idylle mit einem entnervten Ruf unten aus der Küche. Sie war wohl auf dem Weg, um mit dem Hund raus zu gehen. „Ja, Ma! Ich bin so gut wie fertig“, bestätigte Mea und machte sich auf in Richtung Dusche.
„Mea, kann es sein, daß du heute nicht ganz anwesend bist?“, fragte Shera sauer und blieb stehen. „Wieso? Ich hör dir zu! Ich bin nur ein wenig müde.“, antwortete Mea frech mit einem Gähnen. Doch ein wenig verärgert ging Shera weiter und Mea folgte ihr. Gerade hatte die große Pause angefangen und das hieß Cliquen- Treff. An der Bank warteten schon San und Jeanne. Sie waren beide in einer Klasse und waren meistens zusammen anzutreffen. „Hi, ihr beiden!“, begrüßte sie San freundlich. Jeanne lächelte nur. Das tat sie immer, denn im Gegensatz zu San war sie sehr ruhig und sagte nicht allzuviel. Mea kannte Jeanne schon sehr lange. Sie waren zusammen in die gleiche Kindergartengruppe gegangen und waren schon damals beste Freunde gewesen. Durch Jeanne hatte Mea auch erst Shera und San kennen gelernt.
San war mal wieder dabei alles mögliches zu erzählen, als gerade Jan bei den vier Mädels ankam. Natürlich hatte er wieder eins der Bücher vor der Nase, die Meas kleiner Bruder ihm ausgeliehen hatte. Jan war sozusagen das fünfte Mitglied der Clique und der einzige Junge unter ihnen. Shera ging auf ihn zu und nahm sich das Buch, um zu gucken, wie weit Jan schon war. Genau wie Mea hatte auch Shera diese Bücher schon längst durchgelesen. Es waren natürlich keine richtigen Bücher, sondern eher kleine Manga Hefte. Mangas, das waren japanische Comics, die in der Clique sehr beliebt waren. Leider machte sie dieses Hobbies auch zu Freaks in ihren Klassen. Viele aus der Clique störte das, doch Mea war sowieso schon so unbeliebt, daß sie gar nicht mehr auf das Gequatsche ihrer Klassenkameraden einging. In ihren Klassen waren die Beteiligten dieser Clique sowieso schon die totalen Außenseiter, doch sie konnten sich auch alleine durchbeißen. Dies bewiesen sie jederzeit und auch für den nächsten Schulausflug.
Dieser Schulausflug ging nirgendwo anders hin, als nach London. Für Mea würde dies eine absolute Premiere werden, denn sie hatte noch nie englischen Boden betreten und träumte somit fast täglich von diesem Schulausflug. Alle aus der Clique, abgesehen von Jeanne, würden mitkommen und zusammen in London durch die Straßen ziehen. Noch ein Erfolg war für die Clique, daß sie die einzigen aus allen Klassen waren, die zusammen in einem Bus nach London fahren und sogar in einer Gruppe dort umherirrten durften.
Das war natürlich Gesprächsthema Nr. 1 und San entwarf jeden Tag eine neue Liste, wo sie überall hin wollte. Shera und Mea versuchten sich aber mit London zurück zuhalten, denn es war ihrer Meinung unfair, vor Jeanne so große Reden zu schwingen.
Nachdem die ausgelost hatte, wer im Bus neben wem saß, stellte sich heraus, daß Mea auf der Hinfahrt neben Jan sitzen mußte. Sie hatte im Grunde nichts gegen ihn, doch er war nun mal ein Schelm, wie er im Buche stand. Einmal hatte er versucht, Chinaböller zu bauen und auf den Schulhof losgehen zu lassen. Hätte er auch fast geschafft, doch da Mea schon lange nichts mehr von dieser Idee gehört hatte und schloß daraus, daß er sich wohl diese Idee aus dem Kopf geschlagen hatte.
Es dongte und Mea machte sich auf den Weg zu ihrem Klassenraum. Was hatte sie denn jetzt? Englisch! Mea stöhnte entnervt und konnte sich schon auf eine Gruppenarbeit mit zwei Jungs freuen. Sie hatte kein Problem damit mit Jungen zu arbeiten, aber wenn man sich diese beiden Exemplare mal genauer betrachtete, konnte man Mea nur zustimmen, daß diese Gruppenarbeit der totale Reinfall werden würde.
„Was müssen wir denn machen?“, fragte sie Justin, als sie gerade ihre Sachen herausholte. Sie antwortete, beschäftigt damit ihr Englisch Buch zu finden: „Ihr wolltet doch ein Theaterstück machen! Ich denke mal, wir sollten erst einmal ein Drehbuch schreiben.“ „Was? Weißt du wieviel ich heut noch zu tun habe?“, schrie Justin zornig auf. „Nein, aber du wirst es mir sicher gleich sagen“, meinte Mea, als sie endlich ihr Buch gefunden hatte. „Ich hab‘ heut noch Konfirmanden-Unterricht und Training. Außerdem hab‘ ich noch Mathe auf und meine Mutter nervt mich schon seit Tagen, daß ich meine Vokabeln abschreiben soll. Und dann noch irgendeine scheiß Rolle für Englisch. Weißt du was? Du kannst mich mal!“, schrie er Mea energisch an. Doch ganz unbeeindruckt antwortete Mea ganz überrascht: „Hast du die Vokabeln nicht in den Ferien gemacht? Da hättest du doch schon die Hälfte von deiner Liste weg!“ „Hast du sie noch alle? Als wenn ich in den Ferien nichts anderes vor hätte. Da mach ich doch nichts für die Schule! Außerdem fehlt uns ja noch ein Schauspieler. Wie willst du den denn auftreiben?“, baffte er sie an. „Schon gut! Vielleicht sollten wir erst einmal anfangen, damit wir heut wenigsten noch mal fertig werden“, versuchte ihn Mea zu beruhigen, was jedoch keinen Erfolg zeigte.
Durch den Lärm war auch schon längst ihre Lehrerin auf sie aufmerksam geworden und erkannte sehr schnell die Basis des Problems. Damit nicht schon wieder ein Streit zwischen den beiden ausbrach, teilte sie der Gruppe eine andere Aufgabe zu. Jetzt sollten sie nur noch einen Text schreiben. Mea war in ihrem Element. Ohne die Fragen der anderen zu beachten, kritzelte sie einige Sätze auf ihr Blatt und hielt es anschließend den beiden Jungen vor die Nasen. Sie lasen es sich zwar nicht durch, fanden es aber trotzdem klasse. Das wahrscheinlich aber auch nur, weil sie dann einen Haufen weniger Arbeit hatten.
Zufrieden und immer noch müde taumelte Mea so zu Erdkunde. Es war nur noch diese Stunde, dann konnte sie endlich nach Hause gehen und sich aufs Sofa legen. Dieser sehnsüchtige Traum machte Mea wohl ganz besonders stark und so verging auch diese Stunde wie im Flug.
Als Mea dann mit Shera nach Hause ging und sich schon auf das gemütliche Sofa freute, traf es Shera wohl plötzlich wie ein Geistesblitz.
„Bist du nicht an meinem Geburtstag bei deinem Vater?“, fragte Shera nervös auf Antwort wartend. „Ja, kann sein. Aber mir ist das zu doof. Ich geh ja auch sicher lieber zu diesem Geisteskranken als zu dir an deinem Geburtstag. Ich sag ihm einfach ab. Das muß er verstehen!“, meinte Mea cool und vertiefte sich weiter ihn ihre Träume vom Sofa. „Danke, aber ich feiere so oder so nach. San kann nämlich auch nicht an dem Tag. Außerdem ist Samstag immer schlecht und will dir auch nicht den Tag verderben“, bedankte sich Shera. Doch Mea entgegnete ihr kühl: „Von wegen. Du rettest den Tag eher, als ihn zu versauen. Dann feiern wir beide eben alleine!“
Als Mea dann nach Hause kam, raste sie schon an ihrem verdutzten Bruder vorbei in Richtung Terminplaner.
„Scheiße! Genau wenn Shera Geburtstag hat“, fluchte Mea verärgert und lockte somit unabsichtlich ihre Mutter zum Tatort. „Was ist denn los, Liebes?“, fragte diese besorgt. Darauf antwortete Mea traurig: „Das Wochenende, wo Shera Geburtstag hat ist das selbe, wo wir mit Paps nach Bayern fahren.“ „Ihr könnt ja nach feiern!“, meinte ihre Mutter, wohl etwas enttäuscht darüber, daß sie nicht helfen konnte, und ging zurück auf den Balkon.
Mea fühlte sich schäbig. Gerade hatte sie Shera hoch und heilig versprochen an ihrem Geburtstag auf alle Fälle da zu sein und jetzt mußte sie ihr absagen. Wie sie das haßte! Dauernd regte Mea sich über die Leute auf, die erst große Reden halten und dann den Schwanz einzogen. Genau jemand von dieser Sorte war sie jetzt auch. Natürlich rief sie sofort Shera an.
„Shera...? Ich muß dir leider was sagen, was dir überhaupt nicht gefallen wird. Das Wochenende, an dem du Geburtstag hast ... da fahr ich doch zu meiner Oma runter nach Bayern und...“, begann Mea zögernd. Doch Shera meinte darauf: „Ist schon OK, wenn du nicht kannst. Wir können ja noch nachfeiern!“ „Und du bist wirklich nicht sauer?“, fragte Mea sie ein wenig ängstlich. „Nein, du kannst doch nichts dafür. Wir sehen uns dann morgen, ja? Ich muß nämlich gleich zum Konfi- Unterricht.“, antwortete Shera verständnisvoll. Darauf verabschiedete sich Mea und wünschte ihr noch viel Spaß. Als sie dann endlich aufgelegt hatte, stöhnte Mea leise auf und machte sich an die Hausaufgaben. Sie war ehrlich gesagt sehr froh über die Tatsache, daß sie mit Shera befreundet war, denn als ein Außenseiter hat man es sehr schwer echte Freunde zu finden. Nicht solche Freunde, wie Andrea und Lilli es sind, und immer nur dann zu einem freundlich sind, wenn sie es auf etwas abgesehen haben. Mea mochte nur ihre Freunde, die ehrlich zu ihr waren und sie nicht verändern wollen. Das schätzte sie auch an ihrer Clique. Jeder verkörperte seinen eigenen ausdrucksstarken Charakter und verfolgte sein eigenes persönliches Ziel. Niemand klammerte sich an jemand anderen fest. Sie waren zwar alle grundverschieden, doch zusammen bildeten sie eine willensstarke Gruppe, die man nicht mit irgendwelchen anderen Gruppen vergleichen konnte.
Fertig! Endlich sind die Hausaufgaben erledigt. Mea streckte zufrieden beide Hände von sich und marschierte in Richtung Fernseher. Schließlich ließ sie sich ermüdet von der vielen Arbeit auf die Couch fallen und griff gierig nach der Fernbedienung. Doch sie mußte erst einmal verwundert aufblicken, weil sich da nichts tat. Sie stand auf und musterte den Fernseher. Weil sie zu faul war, um selbst nach zugucken, wo das Problem lag, rief sie nach ihrer Mutter: „Mama! Wieso geht der Fernseher nicht?“ „Der ist wohl irgendwie kaputt. Dein Bruder hat auch schon gefragt. Ich bestell einen Techniker für morgen“, rief ihre Mutter ihr aus dem Büro zu. Der Schock saß tief bei Mea. Kein Fernsehen heute? Das konnte nicht ihr ernst sein!
Immer noch geschockt lief sie nach oben und versuchte es bei jedem Fernseher im Haus. Aber nicht einmal ihr eigener war am Laufen.
Mea konnte es nicht fassen. Heute kam doch ihre Lieblingssendung überhaupt. Das mußte ein böser Traum sein. Sie ging hinunter zu ihrer Mutter und fragte, ob der Techniker nicht noch heute kommen könne. „Der arme Mann hat auch noch andere Kunden! Außerdem ist es schon halb sechs. Da kommt doch keiner mehr von denen!“, antwortete sie auf Meas Frage. Sie war wohl sehr entsetzt über diese Frage und gleichzeitig ein wenig verwirrt, wieso ihre Tochter mit einem solchen Ehrgeiz hinter der Sache her war.
Traurig und geschlagen schritt Mea nun in ihr Zimmer. Was sollte sie nun tun? Es wäre viel zu langweilig noch den ganzen Tag so im Zimmer zu verbringen. Also, was tun?
Erst mal Radio anschalten. Damit hatte sie schon mal etwas getan. Und jetzt?
Mea war verzweifelt. Was sollte sie nur tun, um nicht von ihrer eigenen Langeweile verschluckt zu werden?Doch irgendwie meisterte sie auch dieses Problem und ging schon sehr früh schlafen.

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